Marc Mandel
Texte, die gelesen werden
MandelSplitter

 

            1996
            Wer heute „A“ sagt,
will irgendwann „B“ sagen –
            wenn er sich nicht morgen
                        anders entscheidet.
 
            1997
Kommt Zeit, kommt Freud.
            Kommt Freud, kommt Leid.
                        Kommt Leid, kommt Zeit.
 
            1998
Er lässt seinen Hormon-Stress
            im Urlaub auf der anderen Weltseite
von schönen Zwölfjährigen abbauen.
            Die können das Geld gut gebrauchen.
 
            1999
Im 20. Jahrhundert gab es eine Führer-Kultur.
            Sie konnte nicht führen.
                      Und sie war auch keine Kultur.
                                Doch sie hat ver-führt.
Sollen wir uns im 21. Jahrhundert
            von einer Leit-Kultur ver-leiten lassen?
 
            2000
Das 16. Jahrhundert war
            das Jahrhundert der Reformation.
Das 17. Jahrhundert war
            das Jahrhundert der Religionskriege.
Das 18. Jahrhundert war
            das Jahrhundert der Aufklärung.
Das 19. Jahrhundert war
            das Jahrhundert
                      der Industrialisierung.
Das 20. Jahrhundert war
            das Jahrhundert der Weltkriege.
Das 21. Jahrhundert ist
            das Jahrhundert der Freien Märkte.
Das 22. Jahrhundert wird
            das Jahrhundert der Insekten.
 
            2001
Zucker in Kaffee zu träufeln
            genügt nicht.
                     Du musst rühren.
 
          2002
Wer löscht, wo es nicht brennt,
          wer kratzt, wo es nicht juckt,
                    gehört in die Politik –
                              nicht auf die Bühne.
 
          2003
Wenn du am Klavier die Wahrheit spielst,
           hört dir keiner zu.
 
          2004
Es heißt,
          Kassandra sei mit
                    dem Beil erschlagen worden.

Schade eigentlich.
 
          2005
Kunst ohne Gewalt ist Kitsch.
 
          2006
Menschen, die auf jede Frage
           sofort eine fertige Antwort haben,
                     machen mir Angst.
 
          2007
Manche sind niemals losgegangen
           und fragen sich,
           warum sie niemals ankommen.
Andere sind losgegangen vor langer Zeit
           und sind seither unterwegs.
 
          2008
Die alltägliche Ausrede ist mir vertraut.
          Mit ihrer Schwester, der Lüge,
                    bin ich gar befreundet.
                              Auch ein Geständnis
                                        ist nie ganz ehrlich.
Doch die sonntägliche Wahrheit
          ist mir unheimlich.
 
          2009
Menschen werden einem Gott
           doch nicht ähnlicher,
                     wenn für sie der Zweck
                               die Mittel heiligt.
 
          2010
Es kann nicht nur Wölfe geben.
           Es muss auch Schafe geben.
                     Sagen die Wölfe.
 
           2011

Wer sieht
          dass er irrt
                    und umkehrt
                              am Ende des Weges
                                        gilt überall als weise.

Wer sieht
          dass er irrt
                    und umkehrt
                              nach der Hälfte
                                        seiner Wegstrecke
ist eigentlich klüger.
 
          2012
 
Wer Nachrichten unterdrückt,
          ist ein Nachrichter.

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