Marc Mandel
Texte, die gelesen werden
Kurzgeschichten

 

Kaffeehaus

 
„Cappuccino mit Milch.“
„Gern.“ Die Serviererin im ‚Café Bohne‘ lächelt, während sie sich wegdreht.
Ob sie etwas gemerkt hat? An den besetzten Tischen sitzt meist nur eine Person. Und jeder zweite Tisch ist besetzt. Warum sollte er da auffallen? Kurzärmeliges Baumwollhemd, Sommerschuhe, Jeans. Das tragen viele. Aber in diesem Gewerbe entwickeln die Mitarbeiter nach kurzer Zeit eine enorme Menschenkenntnis. Das weiß er. Aus seiner Umhängetasche nimmt er eine ‚Financial Times‘. Er legt sie so hin, dass man sie gut sehen kann, andererseits aber noch genug Platz für die Kaffeetasse bleibt. Die Kellnerin nähert sich.
„Ihr Cappuccino.“ Vorsichtig setzt sie die Untertasse auf die Tischplatte. Die Dame am Nachbartisch ruft, dass sie bezahlen will. Er ist wieder allein.
So eine Bedienung muss vieles im Kopf behalten. Einzelne Gäste vergisst sie sicherlich schnell. Und so ein ‚Blind-Date‘ erlebt man in diesem Geschäft wohl täglich. Das ‚Café Bohne‘ ist mitten in der Stadt. Gut, dass ihn hier niemand kennt. Er findet den Einfall genial, eine bestimmte Zeitung auf den Tisch zu legen. Dadurch wird sie gleich merken, dass er sich eigene Gedanken macht. Natürlich liest er nicht das, was alle lesen; den Zeitungstitel hat er sorgsam ausgewählt. Ebenso wie das Hemd im ‚Batik-Look'. In die Brusttasche hat er den dicken ‚Lamy'-Kugelschreiber gesteckt. Alles soll zufällig wirken. Lässig. So wie seine Lebensphilosophie.
Auch wenn die Hose ausgewaschen aussieht, ist sie nagelneu. Sie ist so eng, dass sie ihn ein bisschen drückt. Die italienischen Wildlederschuhe hat er gestern gekauft. Mit einer kleinen Bürste hat er sie ein bisschen bearbeitet, damit man das nicht merkt. An die Uhr hat er sich ein neues Lederarmband machen lassen. Edle Einfalt, stille Größe, das ist sein Stil. Ebenso wie das ‚Café Bohne'. Langsam hebt er die Kaffeetasse an den Mund.
Eine nahe Kirchturmuhr schlägt vier Mal. Er rechnet damit, dass sie sich fünf Minuten verspätet. Das würde zu ihr passen. Nach dem Wenigen, das er von ihr weiß.
Soeben begrüßt ein Herr im Anzug eine blonde Dame zwei Tische weiter. Sehr förmlich setzt er sich. Offensichtlich sehen sie sich zum ersten Mal. An dem verknitterten Hemdkragen kann man erkennen, dass er nicht häufig einen Schlips trägt. Der Mann schwitzt, aber er traut sich nicht, die Jacke auszuziehen. Sie schaut auf ihr Handgelenk, wo sie wahrscheinlich sonst eine Uhr trägt. Verlegen schiebt sie sich eine Strähne aus der Stirn. Sie ist wie aus dem Ei gepellt. Hellblaues Kostüm, weiße Bluse, hochhackige Schuhe, alles frisch aus dem Kaufhausregal. Dutzendware. Klar, dass sie sich mit einem Anzugträger abgibt.
Was Erika wohl anhat? Viel mehr als ihren Namen weiß er nicht von ihr. Aber sie ist eine Individualistin. Er schaut zum Eingang. Die hochgewachsene Brünette mit der bunten Bluse könnte es sein. Sie trägt eine weiße Sommerhose. Den Rucksack lässig über die rechte Schulter gehängt. Ein Kellner gibt ihr Küsschen. Sie geht mit ihm an die Theke. Ihr Gesicht war ihm gleich unsympathisch. Und jetzt lässt sie sich von dem ekligen Kerl auch noch begrapschen.
So ein Kaffeehaus ist ein kleines Universum. Menschen unterschiedlichen Alters aus allen Schichten treffen sich hier. In der Ecke sitzt eine kleine Geburtstagsgesellschaft. Das junge Pärchen am Nebentisch teilt sich einen Flammkuchen. Der Anzug bei der Blondine hat eine Flasche Wasser bestellt. Jetzt redet er unablässig auf sie ein. Wäre die Hintergrundmusik leiser, könnte man es vielleicht verstehen. Die Blonde streicht sich mit der Hand durch das Gesicht. Ob sie weiß, wie unvorteilhaft sie dabei aussieht? Jetzt beugt sie sich etwas nach vorne. Züchtig legt sie die Hand auf den Ausschnitt ihrer Bluse. Den findet er ohnehin gewagt, für ein ‚Blind-Date‘.
Eine große Gestalt in der Tür. Das muss sie sein. Wehendes Haar, weißes T-Shirt, enge Jeans. Sie rennt auf eine Frau zu, die sie augenscheinlich kennt. Warum müssen sich Freundinnen eigentlich in aller Öffentlichkeit abschlecken?
Seine Uhr zeigt zwölf nach vier. Eine Viertelstunde ist sein Limit. Er fasst nach dem schmalen Heft, das hier als Karte dient, um den Preis für den Cappuccino zu erfahren. ‚Wilkommen im Café Zur heißen Tasse‘ steht auf dem Titelblatt. Er klappt die Karte zu und liest noch einmal.
„Zahlen bitte.“

(c) Marc Mandel 2011


Die Tropfen des Königs

 
„Nicht das Kleid. Nimm den Rock. Der ist kürzer. Das sind meist Männer.“
„Ich brauche ein sexy Top. Meine sind zu brav, Eva-Marie.“
„Wenn da eine Frau sitzt, ist brav von Vorteil, Kristie.“
So ging das, seit die Schule aus war. Und um drei fuhr der Bus.
Am Ende zog ich das Kleid an. Ich steckte meinen ganzen Kleinkram in die weiße Leinentasche. Wir waren pünktlich.
„Nennt mir nacheinander Eure Vornamen“, sagte der Radiomann, „ihr bekommt eine Nummer.“
Wir waren acht. Jede bekam einen Text. Keine halbe Seite. Ich kam als zweite dran. Eva-Marie wartete unten.
Eine Frau mit langen blonden Haaren führte mich in das Studio. „Ich bin Nicole“, sie setzte sich neben mich und legte die Hand auf meinen Arm. „Tief durchatmen. Du schaffst das.“ Sie setzte mir Kopfhörer auf. „Sag etwas. Hier musst Du die Lautstärke einstellen.“ Nicole gefiel mir.
„Guten Tag, heute lege ich für Euch Fanta Four auf. “ Boing. So hatte ich mich noch nie gehört. Richtig professionell.
Das rote Licht ging an.
Der Text war aus irgendeinem Märchen. Ein König, eine Königin, Tropfen prasseln auf ein Schiffchen. Furchtbar. Meine Stimme klang anders. Ganz anders als sonst.
Danach warten.
Ich setzte mich auf die Folterbank. Wäre ich bloß nicht schon als zweite dran gewesen. Ich las einen todlangweiligen Text für die Schule. Dann waren alle durch.
Nicole führte mich in ein kleines Büro. „Es ist wirklich schade“, sie roch nach ‚Eau de Parfum Vanille‘. Wieso hatte ich das nicht vorher gemerkt? „Wir haben uns diesmal leider anders entschieden.“ Ich sagte nichts.
Eva-Marie umarmte mich. „Meine Stimme war mir total fremd“, wir weinten gemeinsam, „Nicole nimmt Yves Rocher. Und ihr Kleid ist viel kürzer, als meins.“

(c) Marc Mandel 2011.

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